Redebeitrag 150. Geburtstag von Fritz Oerter

Fürth, zum 19. Februar 2019
von Helge Döhring

Dieses Gedenkblatt ist erschienen zur Feier des 150. Geburtstag von Fritz Oerter am 19. Februar 2019 in Fürth. Wir danken Folkert Mohrhof für das Jugendfoto von Fritz Oerter auf dem Titel. Herausgegeben vom Institut für Syndikalismusforschung – Postfach 140470 – 28094 Bremen.
Internet: syfo.info
email: institut@syndikalismusforschung.info

Es gibt einige Städte, in denen Anarcho-Syndikalisten postum gewürdigt wurden. Sie wirkten durch ihre Persönlichkeit, wenngleich sie nicht an allen Orten einer freiheitlichen und emanzipatorischen Arbeiterbewegung zum Durchbruch verhelfen konnten. Besonders deutlich wird dies in kleinen Städten, in denen sie Geschichte schrieben. Erinnert sei in dieser Hinsicht beispielsweise an
Wilhelm Schroers in Delmenhorst bei Bremen, an Karl Dingler in Göppingen bei Stuttgart oder an
Otto Wolf in Naumburg an der Saale.

Sie alle gehörten wie der hier am 19. Februar 2019 geehrte Fritz Oerter der „Freien Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD) an, einer Gewerkschaft mit zeitweilig 150.000 Mitgliedern.
Während seine Genossen in der Regel mit Stolpersteinen gewürdigt werden, wird für Fritz Oerter in der Oberen Fischerstraße 3 eine Gedenktafel angebracht.
Dort befand sich die von ihm gegründete Leihbibliothek.
Unterstützt wird dieses Gedenkprojekt vom Altstadtverein Fürth, von der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter Union (FAU) Ortsverband Nürnberg, dem Fürther Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus, den Falken und vom Institut für Syndikalismusforschung.

Fritz Oerter

Fritz Oerter geht als klassisch gebildeter Kulturphilosoph mit reger publizistischer Tätigkeit. 1869 in Straubing geboren, besuchte er eine Realschule in Fürth.
Hernach arbeitete der junge Mann als Lithograph und politisierte sich in der Sozialdemokratie. Als diese sich jedoch zum Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend dem Kapital und der Staatsmaschinerie andiente, wechselte er zur anarchistischen Bewegung. Damit blieb er den dealen der Arbeiterbewegung treu, der es darum ging, zum Sozialismus, zu einer klassenlosen und herrschaftslosen Gesellschaft zu gelangen. Den Ersten Weltkrieg konnte die kleine Bewegung indes nicht verhindern. 1918/19 gehörte Fritz Oerter dem Arbeiter- und Soldatenrat in Fürth an. Nachdem sich der Kapitalismus in Republikform zügig restaurierte und die Arbeiterscha$ abermals in die Knechtseligkeit zwang, beließ es Oerter nicht beim Anarchismus, sondern sah ein wirksames Mittel zur
Überwindung des Kapitalismus in der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft der FAUD.

Ideale und Widrigkeiten

Die FAUD verfolgte die Umgestaltung des gesamten gesellschaftlichen Lebens in selbstverwaltete Produktions- und Konsumtionselemente. Administrative und damit politische Funktion kam dabei den Institutionen der „Arbeitsbörsen“ zu, welche die zentralen Verwaltungs- und Entscheidungsinstanzen bildeten. Die politische Funktion sollte strikt föderalistisch aufgebaut sein, die Betriebe in Selbstverwaltung von den Belegschaften übernommen werden. Als dritter Faktor neben Wirtschaft und Politik trat das Kulturelement auf den Plan. Schließlich scheiterte
die Novemberrevolution vor allem an der Unfähigkeit des Proletariats, an ihre eigenen Kräfte zu glauben und sie folgerichtig gegen die Konterrevolution durchzusetzen. Sie wussten nichts anderes mit ihrer Macht anzufangen, als in großer Mehrheit artig die bürgerliche Nationalversammlung zu wählen. Damit vertrauten sie abermals genau denjenigen sozialdemokratischen Führern, die sie mit Hurra und Patriotismus durch den Krieg führten. Ohne die Sozialdemokratie wäre der Krieg nicht zu führen gewesen, und ihre Zentralgewerkschaften – heute DGB – bliesen noch 1917 eifrig Durchhalteparolen mit Anexionsgelüsten. Dieses Kulturdefizit durch Aufklärung aufzuheben, lag Fritz Oerter besonders am Herzen. Der Schüler des anarchistischen Philosophen Gustav Landauers schrieb in vielen Presseorganen der freiheitlichen Arbeiterbewegung, bei den Syndikalisten, den Anarchisten, den Sexualaufklärern, den Frauenbünden, der anarcho-syndikalistischen Jugendbewegung. Seine Definition von Kultur klang folgendermaßen:
„Für mich ist Kultur Arbeit in rein sozialistischem Sinne. Ich fasse unter diesem Begriff alle aktive Wirksamkeit der Menschheit zusammen durch Hand- und Kopfarbeit der Erde und dem Leben eine möglichst große Menge von materiellen und ideellen Werten abzugewinnen, um diese allen Menschen ohne Ausnahme nutzbar und zugänglich zu machen. In der Art der ausgleichenden gerechten Verteilung oder Zugänglichkeit zu allen Kulturerrungenschaften erblicke ich den Höhen- oder den Tiefstand der Kultur[…] Nicht die Nation und nicht der Kapitalismus dürfen es wagen, sich als die Träger der Kultur aufzuspielen, einzig und allein ist es die werktätige Menschheit, welche wahre Kultur schaffen kann, wenn sie die Grenzen der Staaten nicht mehr anerkennt, sich international solidarisch vereinigt, den Kapitalismus, diese internationale Landplage und Völkergeißel in die Versenkung verschwinden lässt, indem sie ihm alle weiteren Dienstleistungen entzieht und die freie, herrschaftslose Bedarfs- und Gemeinwirtschaft begründet […] niemand wird es wagen, das was uns heute umgibt, Kultur zu nennen. Kapitalismus und Kultur, Militarismus und Kultur, Justiz und Kultur, Kirche und Kultur: das sind unvereinbare Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen. Alle diese Mächte gehen auf die Vergewaltigung des
Menschen aus, sie begünstigen die Einen und unterdrücken die Andern (…) In jeder Form ist Gewalt Unkultur […] Wahre Kultur muß erst geschaffen werden. Ihr Träger kann und wird nur die alle geistigen und materiellen Werte schaffende international solidarisch verbundene Menschheit sein, die den engstirnigen Nationalismus wie auch den Kapitalismus siegreich überwunden
hat.“ („Der Syndikalist“, Nr. 2/1922)

Zum Weiterlesen

Fritz Oerter: Texte gegen Krieg und Reaktion, Lich 2015,
hgg. Helge Döhring in der Reihe: „AnarchistInnen & SyndikalistInnen und der Erste Weltkrieg“

https://www.fuerthwiki.de/wiki/index.php/Fritz_Oerter

Syfo – Forschung & Bewegung: Jährliches Mitteilungsblatt des Instituts für Syndikalismusforschung mit Studien, Berichten und vielfältigen Informationen zur Geschichte und Entwicklung
der (internationalen) revolutionären syndikalistischen Bewegung. 120 Seiten stark.

Auch in Fürth gab es eine kleine syndikalistische Gewerkschaftsbewegung mit mehreren Dutzend Mitgliedern, in Nürnberg hatte die FAUD mehrere hundert Anhänger und diese waren unter den Holzarbeitern in Arbeitskämpfen aktiv. Im Raum Nürnberg-Fürth etablierten sich auch anarcho-syndikalistische Kinder- und Jugendgruppen, Frauenbünde, Sexualberatungen und Büchergilden. Die Bewegung wurde nicht nur von den Staats- und Wirtscha$ seliten, sondern mit besonderem Eifer auch von der Sozialdemokratie bekämpft . Mit den schmutzigsten Mitteln duldete sie vor allem in den Betrieben keine Konkurrenz neben sich. Betroffen waren sie in den Bleistiftfabriken Faber und Lyra. So hieß es in der syndikalistischen Presse: „Brotlosmachung und Existenzvernichtung wegen Bekenntnis zu Syndikalismus sind hier an der Tagesordnung. [Sozialdemokratische Funktionäre] treten […] in trauter Harmonie als ‚Betriebsräte’ zusammen und verlangen vom Unternehmer stereotyp, dass der und der Arbeiter bzw. Arbeiterin entlassen werden müssen, weil sie Mitglieder der syndikalistischen Arb[eiter]—Föderation sind und ein Zusammenarbeiten mit Syndikalisten die Leitungsfähigkeit schmälern würde.“
(„Der Syndikalist“, Nr. 25/1920)

Die Nazis

Bayern blieb auch während der Weimarer Phase eine „Ordnungszelle“, und seit 1930 erwiesen sich die Reichsregierungen unter Brüning und von Papen als nicht zimperlich im Umgang mit Verboten, Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. So war es für die Nazis im Bündnis mit den konservativen Eliten leicht, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen und damit auch die anarcho-syndikalistischer Organisation. Die Genossinnen und Genossen kamen in Massen in Schutzha$ – heute Vorbeugegewahrsam genannt. Einige, wie der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam, wurde von Polizei und SA erschlagen. 1935 starb auch Fritz Oerter an den Folgen seiner Haftzeit.

Fritz Oerters Vermächtnis

Ein Gedenken an Fritz Oerter darf nicht bei der Ächtung des Nazifaschismus stehen bleiben. Vielmehr müssen die Ursachen beseitigt werden. Faschismus ist eine Spielart bürgerlich-kapitalistischer Herrschaft , der sich zuvorderst gegen die werktätige Bevölkerung richtet, um den Aufbau eines herrschaftslosen Sozialismus zu verhindern. Schafft es die Sozialdemokratie nicht, die Klassenverhältnisse zugunsten des Kapitalsmus zu befrieden, werden diktatorische Verhältnisse geschaffen. Dazu hätte in Deutschland freilich eine Hugenberg-Hindenburg-Allianz ausgereicht.
Dennoch finanzierte die Großindustrie künstige Kriegsgewinne kalkulierend, gezielt die Hitlerbewegung. In Zeiten aktueller Wirtschaftskrisen tritt mit der AFD eine nationalliberale
Partei auf den Plan, die über auffallend viel Geld verfügt und schlagartige Erfolge erzielt. In Österreich ist die FPÖ an der Regierung beteiligt, und auch in Frankreich etablierte sich mit „Front National“ eine rechtsnationale Partei mit Regierungsambitionen. Die Türkei ist faschistisch und auch in Brasilien geht’s den Sozialisten unter der Marionette Jair Bolsonaro an den Kragen.
Fritz Oerter gehörte einer internationalen Arbeiterbewegung an, die ihre Kräfte aufbot gegen die reaktionäre Allianz aus politischem Zentralismus, kapitalistischem Wirtschaftssystem und kulturschädigendem Kirchentum. Die Botschaften Oerters sind aktuell. Die Grundlagen für den Sozialismus bilden selbstbewusste und solidarische Menschen, die das gesellschaftliche
Leben in die eigenen Hände nehmen und der Entstehung von Herrschaftsstrukturen im Keim entgegenwirken. Es reicht dabei nicht aus, sich den neuen faschistischen Tendenzen entgegenzustellen. Von großer Bedeutung ist der Aufbau selbstverwalteter Strukturen, um einst das Wirtschaftsleben zu kontrollieren und damit auch die politischen Verhältnisse
sinnvoll und bedürfnisgerecht bestimmen zu können. Fritz Oerter vertrat einen tiefen Humanismus und Menschenliebe.
Darauf sollte die künftige Gesellschaft gedeihen.
Helge Döhring
Institut für Syndikalismusforschung, Bremen
150 Jahre Fritz Oerter